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Aus der Chronik der Stadt Göttingen, 1932/33

Unsere heute so liberale und weltoffene Stadt war - mitsamt ihrer Universität - eine Hochburg der Nationalsozialisten. Gaben bei der Reichs- und Landtagswahl vom 5. März des Jahres im Reichsdurchschnitt 52 % der Wahlberechtigten ihre Stimme der Regierung Adolf Hitlers, so lag der nationalsozialistische Stimmanteil in der Stadt Göttingen bei 63,7 %, im Landkreis bei 61,9 %.

Auch bei den vorangegangenen Wahlen hatten die Göttinger mit überwältigender Mehrheit die Nationalsozialisten gewählt. Als eine der reichsweit ersten Ortsgruppen der NDSAP ausserhalb Bayern wurde die Göttinger Ortsgruppe der Partei bereits 1922 vom Medizinstudenten Ludolf Haase gegründet.

Der Göttinger Stadtarchivar Dr. Ferdinand Wagner, im Amt 1900 - 1934, führte eine tägliche Chronik über die wichtigsten Ereignisse in der Stadt (online zugänglich über http://www.stadtarchiv.goettingen.de/frames/fr_chronik.htm).

Die folgenden, originalen Auszüge aus dieser Chronik bedürfen kaum des Kommentars (dort, wo ein solcher notwendig wird, ist er durch Kursivschrift kenntlich gemacht worden).

21. Juli 1932

Vor 30.000 Zuhörern sprachen unter strömendem Regen Adolf Hitler und Dr. Frick auf dem fortan „Hitlerwiese" benannten Gelände beim Kaiser-Wilhelm-Park.

31. Juli 1932

Bei den heutigen Reichstagswahlen erhalten in Göttingen Stimmen:
 

Kandidat in der Stadt im Landkreis 
Nationalsozialisten 14.179 11.760
Deutschnationale 2.320 651
Deutsche Volkspartei 497 111
Deutsch-Demokraten 513 309
Zentrum 1.294 149
Deutsch-Hannoveraner 204 159
Sozialdemokraten 6.593 7.764
Kommunisten 1.983 1.315

6. November 1932

Bei der heutigen Reichstagswahl erhalten in der Stadt Göttingen Stimmen:

Kandidat  in der Stadt  im Landkreis 
Nationalsozialisten 12.678 14.162
Deutschnationale 4.075 1.159
Deutsche Volkspartei 1.007 289
Staatspartei 555 264
Zentrum 1.256 199
Deutsch-Hannoveraner 255 293
Sozialdemokraten 6.207 9.932
Kommunisten 2.813 2.261

30. Januar 1933

Nachdem am 28. Januar General von Schleicher vom Kanzleramt zurückgetreten, wird heute Adolf Hitler, der Gefreite des Weltkrieges, von Feldmarschall Reichspräsidenten zum Reichskanzler ernannt, der sofort ein Kabinett der nationalen Sammlung bildet.

31. Januar 1933

Aus diesem Anlaß zeigte sich heute in den Straßen der Stadt ein Fackelzug der SA, ein glänzendes Bild der Volksstimmung.

5. März 1933

Die heutige Reichs- und Landtagswahl brachte im Stadtkreis 63,7% der Stimmen für die Regierung Hitler, im Landkreise 61,9% im Reichsdurchschnitt 52% der Stimmen.

24. März 1933

Der Magistrat benennt zur steten Erinnerung an den „Tag von Potsdam" den „Theaterplatz": „Adolf-Hitler-Platz", und die Theaterstraße „Franz-Seldte-Straße".

1. April 1933

In dem mit dem alten Reichsfarben und dem Hakenkreuzbanner geschmückten Saale wählt das neue Bürgervorsteher-Kollegium fünf Nationalsozialisten zu Senatoren.
Wie im ganzen Reiche, so verläuft auch hier der heutige Tag des Boykotts jüdischer Geschäfte zur Abwehr der wüsten, verleumderischen Hetze des internationalen Judentums im Auslande gegen das nationale Deutschland in Ruhe und Ordnung [in Wahrheit waren zahlreiche Geschäfte jüdischer Inhaber und auch die Synagoge bei bis in die Nacht währenden Krawallen verwüstet worden; in den Straßen wurden mehrere Juden, wie alle diejenigen, die sich den Nazis in den Weg zu stellen versuchten, von marodierenden SA-Trupps brutal zusammengeschlagen].

19. April 1933

Nach einer Ansprache des Oberbürgermeisters Dr. Jung beschließen auf Antrag der nationalsozialistischen Fraktion die städtischen Kollegien, dem Reichskanzler Adolf Hitler zu seinem 44. Geburtstage das Ehrenbürgerrecht der Stadt Göttingen zu verleihen.

25. April 1933

Auf Grund des Gesetzes vom 8. April zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums auf arischer Grundlage werden die Professoren Bernstein, Bondy, Born, Courant, Honig und Nöther beurlaubt.

Abweichend von der bisherigen Gepflogenheit tritt der neugewählte Rektor der Georgia Augusta, Professor Dr. Friedrich Neumann, sein Amt sofort an.

10. Mai 1933

Die Studentenschaft zündet zum Zeichen des Kampfes gegen den undeutschen Geist einen Scheiterhaufen aus der ganzen Stadt gesammelter Schundliteratur vor der Albani-Schule am Adolf-Hitler-Platz an.

Quelle: http://www.stadtarchiv.goettingen.de/frames/fr_chronik.htm

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Öffnungszeiten

Di bis So | 10 bis 18 Uhr | Eintritt frei

Führungen

Jeweils dienstags und donnerstags | 17 Uhr | für Gruppen auch nach Vereinbarung und telefonischer Voranmeldung: 0551/400-2485 | Eintritt frei

Aufgrund der großen Resonanz werden zusätzliche öffentliche Führungen (Eintritt frei) durch die Ausstellung angeboten:
24. Mai | ab 12.00 Uhr
31. Mai | ab 10.00 Uhr

Veranstalter

Stadt Göttingen | Fachbereich Kultur
Tel: (0551) 400 2486 | kultur@goettingen.de
www.goettingen.de

Georg-August-Universität Göttingen
www.uni-goettingen.de

Jüdische Gemeinde Göttingen e.V.
www.liberale-juden.de/cms/index.php?id=24