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Die Totenmaske von Leonard Nelson

In der Ausstellung „und euch zum Trotz“ erstmals zu sehen: Die Totenmaske Leonard Nelsons, die 1933 vor dem Zugriff der Nazis versteckt wurde.

Als die Nationalsozialisten im Vorfeld der Bücherverbrennung im April und Mai 1933 systematisch Buchhandlungen und Privatbibliotheken nach "undeutscher und staatsfeindlicher Literatur" durchsuchten, konzentrierten sich viele ihrer Aktionen in Göttingen auf die Mitglieder des "Internationalen Sozialistischen Kampfbundes" (ISK), dem zahlreiche namhafte Regimegegner angehörten. Auf dem Foto des Bücherscheiterhaufens, der auf dem damaligen Adolf-Hitler-Platz am 10. Mai entzündet wurde, sind viele Werke des ISK zu erkennen.  Nach 1933 bildete der (verbotene) ISK im Reich und im Exil eines der wichtigen Netzwerke des Widerstands gegen Hitler-Deutschland. In unserer Stadt war der ISK besonders einflussreich, weil diese pazifistische Organisation vom Göttinger Philosophen Leonard Nelson (1882 - 1927) gegründet worden ist. Ein Göttinger Buchhändler, dessen Geschäft von den Plünderungen der SA betroffen war und dessen Buchhandlung zeitweise geschlossen wurde, weil er den Hitler-Gruß verweigerte, hat 1933 unter Lebensgefahr einen erheblichen Bestand von ISK-Schriften vor den Nazis versteckt. Aus seinem Exil in England und Dänemark brachte er eine in Bronze gegossene Totenmaske Leonard Nelsons zurück nach Göttingen, die ebenfalls dem Zugriff der Nazis entzogen worden war.

Die Existenz dieser Totenmaske war bislang unbekannt; vermutlich handelt es sich dabei um ein Unikat.

Nun hat eine Göttinger Bürgerin sie (zusammen mit einer Reihe höchst seltener, 1933 verbotener und „verbrannter“ ISK-Publikationen) der Ausstellung „und euch zum Trotz“ zur Verfügung gestellt, wo sie seit Dienstag, dem 20. Mai, erstmals öffentlich zu sehen ist.

Die Totenmaske von Leonard Nelson

ZUR PERSON

Leonard Nelson wurde 1882 in Berlin als Sohn eines jüdischen Vaters geboren. Seine Mutter war evangelisch und er selbst wurde als Kind getauft. Die für ihn charakteristische Kirchenfeindschaft bildete sich schon früh heraus, zugleich mit einem außergewöhnlichen Maß an unabhängigem Denken, wofür eine von Willi Eichler überlieferte Schulanekdote typisch ist: Zu dem Aufsatzthema „Was denke ich mir beim Anblick der Siegessäule?" schrieb der Schüler Leonard einen einzigen Satz: „Beim Anblick der Siegessäule denke ich mir gar nichts!"

1901 begann Nelson in Heidelberg mit einem breitgefächerten Studium philosophischer, naturwissenschaftlicher, juristischer und literaturwissenschaftlicher Vorlesungen. Prägend wurde für ihn die Begegnung mit den Schriften des Philosophen Jakob Friedrich Fries (1773-1843). Mit einer Arbeit über ihn promovierte Nelson 1904 in Göttingen. Die Habilitation folgte 1909. Zu dieser Zeit wohnte Nelson schon drei Jahre in dem Haus am Nikolausberger Weg 61, an dem heute eine Gedenktafel an ihn erinnert.

Für Nelsons Persönlichkeit und Wirken sind folgende Überzeugungen kennzeichnend: Die Kant-Fries’sche Philosophie, insbesondere ihre Ethik, war für ihn Wissenschaft, die die Probe der Wahrheit bestehen kann und eines Tages zur Alleinherrschaft berufen ist. Zu dieser Wahrheit muß man die Menschen mit den richtigen pädagogischen Methoden führen, vor allem mit dem „sokratischen Gespräch". Nelsons pädagogisches Engagement erhielt starke Anregungen durch Hermann Lietz und seine Landschulheimidee.

1924 gründete Nelson seine eigene Erziehungsstätte in der Walkemühle bei Melsungen. Im Ersten Weltkrieg entwickelte Nelson die Erkenntnis, daß die Philosophie berufen sei, das öffentliche Leben zu erneuern. Dabei lag es in der Konsequenz, daß er nicht darauf aus war, Massen zu mobilisieren, sondern eine kämpferische Elite zu sammeln und zu schulen, die sich auch durch asketisch-ethische Lebenshaltung als berufen zu erweisen hatte.

Zu diesem Zweck gründete Nelson 1917 den Internationalen Jugend-Bund (IJB). An seine Mitglieder wurden Forderungen gestellt wie Kirchenaustritt, Vegetarismus (Tiere galten als Rechtssubjekte und durften nicht beliebig getötet werden), Enthaltung von Alkohol. Persönlicher Verzicht war für Nelson ein wichtiges erzieherisches Moment. In der Walkemühle wurden Funktionärskurse durchgeführt, an denen etwa sechs Schüler je drei Jahre lang teilnahmen. Für die Kurszeit galt das Zölibat und die Aufgabe jedes brieflichen Verkehrs mit der Außenwelt. Neben diesen Langzeitkursen fanden 10-Tageskurse statt, in denen zuweilen auch Nelson selbst lehrte.

Praktisch-politisch betätigten sich die Mitglieder des IJB im Freidenker-Verein und in der Göttinger SPD. Werner Link schreibt darüber in seiner Studie über den ISK: „Im SPD-Ortsverein gewann der IJB durch seine zuverlässige und eifrige Betätigung bald Freunde und Anhänger. 1924/25 wurde Nelsons Sekretär Willi Eichler zum 2. Vorsitzenden des Ortsvereins der SPD gewählt." Durch den tatkräftigen Einsatz der IJB-Mitglieder gelangte Richard Schiller, der Redakteur des „Volksblattes", in den Reichstag.

Bald darauf hielt es der Parteivorstand der SPD aber für angezeigt, sich von den „Nelson-Bündlern" als einer undemokratischen Sekte zu distanzieren. Daß es im IJB keine demokratische Willensbildung gab, sondern das von Nelson formulierte „Führerschaftsprinzip", ist unbestreitbar. Nach Nelsons Philosophie können Interessen nach objektiven Kriterien gewertet werden und dürfen daher nicht den Zufälligkeiten von Mehrheitsentscheidungen überlassen werden. Objektive Interessen – „Das wahre Interesse", so eine Schrift von Nelson – können mit Hilfe der von ihm gepflegten „sokratischen Methode" herausgefunden und zu Prinzipien des politischen Handelns gemacht werden.

Der Beschluß des SPD-Parteivorstandes, der die Unvereinbarkeit von Zugehörigkeit zum IJB und zur SPD festlegte, wurde allerdings auch recht undemokratisch ohne Anhörung der Betroffenen vor einem anstehenden Parteitag gefaßt.

Die Gründung des ISK

Diesem von der SPD herbeigeführten Ende der Zusammenarbeit folgte um die Jahreswende 1925/26 die Gründung des Internationalen Sozialistischen Kampf-Bundes, der sich – anders als der IJB – als selbständige sozialistische Partei am politischen Leben beteiligen sollte. Der Begriff „sozialistisch" zeigte keine geistige Nachfolge zu Marx und Engels an, vielmehr war Sozialismus für Nelson die Verwirklichung des Ideals der Gerechtigkeit. Die strengen Anforderungen an die private Lebensführung wurden vom IJB übernommen.

Als Vegetarier trafen sich die Göttinger ISK-Mitglieder regelmäßig beim vegetarischen Mittagstisch, den die Mutter der beiden im ISK engagierten Brüder Fritz und Helmut Schmalz in der Weender Straße unterhielt.

Die Walkemühle wurde als Kaderschule des ISK übernommen. Nelson selbst überlebte die Gründung des ISK nur um ein Jahr. Er starb 1927 an Leukämie.

In einem Nachruf schrieb einer seiner Mitarbeiter: „Niemand konnte sich ihm entziehen. Wenn man sich fragt, worauf dieser einzigartige Eindruck der Persönlichkeit Nelsons beruht, so kommt man auf vier Eigenschaften, die sich in diesem Manne zu dem Geheimnis seiner Wirkung verbanden: eine Natürlichkeit, vor der alles Persönliche und Zufällige spurlos verschwand und hinter der Sache zurücktrat; eine Kraft des Denkens von schöpferischer Prägnanz und jener nüchternen Tiefe, die kein Wort zu viel und keines zu wenig gebrauchte; eine Unbedingtheit im Denken wie im Entschluß, die auch über die stärksten Interessen des eigenen Ich hinwegging (...), ein geistiges und sittliches Verantwortungsgefühl, das in der gegenwärtigen Philosophie seinesgleichen nicht hat."

(Auszug aus dem Buch "130 Jahre Sozialdemokratie in Göttingen". Herausgegeben von Klaus Wettig. Erschienen 2003 im Verlag Die Werkstatt.)

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Ausstellung im Alten Rathaus

Öffnungszeiten

Di bis So | 10 bis 18 Uhr | Eintritt frei

Führungen

Jeweils dienstags und donnerstags | 17 Uhr | für Gruppen auch nach Vereinbarung und telefonischer Voranmeldung: 0551/400-2485 | Eintritt frei

Aufgrund der großen Resonanz werden zusätzliche öffentliche Führungen (Eintritt frei) durch die Ausstellung angeboten:
24. Mai | ab 12.00 Uhr
31. Mai | ab 10.00 Uhr

Veranstalter

Stadt Göttingen | Fachbereich Kultur
Tel: (0551) 400 2486 | kultur@goettingen.de
www.goettingen.de

Georg-August-Universität Göttingen
www.uni-goettingen.de

Jüdische Gemeinde Göttingen e.V.
www.liberale-juden.de/cms/index.php?id=24