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Rede des Kurators der Ausstellung Prof. Dr. Frank Möbus

zur Eröffnung der Ausstellung

„Wenn es Goebbels gelingt, unsere Namen von den deutschen Tafeln zu löschen, sind wir tot. Gespenster in der Diaspora, in der wasserarmen Provinz. Schon die nächste Generation wird nichts mehr von uns wissen.“

 

Das schrieb René Schickele, einer der bedeutenden Wegbereiter des literarischen Expressionismus, am 11. Dezember 1933 in seinem Tagebuch nieder. Da befand er sich bereits seit über einem Jahr im französischen Exil, in das die sich ankündigende Nazi-Diktatur ihn getrieben hatte, und dort ist er 1940 auch gestorben, an Grippe und Bauchfellentzündung, kurz bevor er vor den einmarschierenden deutschen Truppen nach Amerika hätte fliehen müssen.

Seine Befürchtung hat sich im Hinblick auf sich selbst und viele andere Autorinnen und Autoren erfüllt. Schon die nächste Generation hat von ihnen nichts mehr gewußt.

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

daß Sie alle hier heute erschienen sind, das freut mich unendlich. Und es freut mich auch sehr, daß Friederike Schmidt-Möbus und ich als gemeinsame Kuratoren dieser Ausstellung uns zunächst bei all denen bedanken dürfen, die geholfen haben, ein sichtbares Zeichen gegen das Vergessen zu setzen, uns zu bedanken bei all denen, die dafür gesorgt haben, daß wenigstens ein bißchen etwas dafür getan werden kann, hier an René Schickele und all die anderen Autorinnen und Autoren zu erinnern, die von den Nationalsozialisten nicht nur von den deutschen, sondern von allen Tafeln in der Welt getilgt werden sollten.

 

Stiftungen und auch Privatunternehmen haben uns freigiebig dabei unterstützt, diese Ausstellung und das Begleitprogramm zu realisieren, haben damit auch dafür gesorgt, daß wir das alles mit freiem Eintritt präsentieren können. Angesichts der Vielzahl der Sponsoren bleibt mir dabei keine Alternative zu einer summarischen, alphabetischen Aufzählung der großherzigen Förderer: Die Agentur medienkombinat, das Druckhaus des Göttinger Tageblatts, der Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V., die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Göttinger Kulturstiftung, die Hans-Böckler-Stiftung, der Landschaftsverband Südniedersachsen e. V., die Niedersächsische Lottostiftung, die Sparkasse Göttingen und die VGH Stiftung haben unseren aufrichtigen Dank verdient.

Friederike Schmidt-Möbus und ich sind noch vielen anderen Dank schuldig: Da sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Stadtarchivs, des Stadtmuseums und der Stadtbibliothek zu nennen, ebenso diejenigen der verschiedenen Abteilungen der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek bis hin zur Restaurierungsabteilung und Frau von Issem: Danke für Ihre Hilfe! Dank namentlich an Arno Barnert, von dessen Forschungen wir profitieren durften.

Kevin Archut hat seine Mitarbeit im Ehrenamt übernommen: Solch ein privates Engagement ist vorbildlich.

Mit Nachdruck erwähnt sei Achim Richter vom Fachbereich Kultur der Stadt, der ein Allrounder bei Problemlösungen aller Art war, in Rat und Tat. Danke, mein Lieber!  

Und dann sind da noch diejenigen zu nennen, ohne die eine Ausstellung nun gar nicht zu machen ist: die Leihgeber nämlich.

Stadtarchiv, Stadtmuseum, Stadtbibliothek, Universitätsarchiv und all die Abteilungen der Niedersächischen Staats- und Universitätsbibliothek: Wir danken sehr herzlich. Eine Reihe von Privatpersonen, zuviele, um sie alle aufzuzählen, haben uns ihre Sammlungen geöffnet – Dank dafür! Der Göttinger Künstlerin Christel Irmscher verdanken wir zwei eindrückliche, eminent anspielungsreiche Kunstwerke – Danke!

Wir freuen uns sehr über die Leihgaben aus der Sammlung im Willy-Brandt-Haus in Berlin. Von den Nationalsozialisten verfolgte Künstlerinnen und Künstler bilden einen Schwerpunkt dieser Sammlung, die seit 1995 kontinuierlich aufgebaut wird. Die ursprüngliche Kunstsammlung der SPD ist von den Nazis 1933 enteignet worden und spurlos verschwunden. Inge Wettig-Danielmeier, die Initiatorin des neuen Aufbaus dieser Sammlung, ist heute zu unserer großen Freude bei uns – während Klaus Wettig, der diese Sammlung in Zusammenarbeit mit Mirja Linnekugel betreut, fehlt – mit dem denkbar besten Grund: Er spricht zeitgleich in Hannoversch-Münden über die Bücherverbrennung.

Unsere Ausstellung zeigt nur einen kleinen Teil des Sammlungsschwerpunktes der von den Nationalsozialisten „entarteten Kunst“ – Sie werden nachher sehen, daß ein „relativ kleiner“ Teil tatsächlich „relativ groß“ sein kann … Wir danken sehr herzlich!

In erster Linie aber zeigen wir hier Bücher. Sehr, sehr seltene Bücher – ca. 250 Erstausgaben der Werke „verbrannter“, verbotener, verfolgter Schriftsteller, welche die originalen Schutzumschläge bzw. Einbände und vielfach auch persönliche Widmungen tragen. Claus Strätz und Ralf Wassermeyer aus Lübeck haben diese Bücher in ihren Privatsammlungen zusammengetragen, und auch die eingefleischtesten Bibliophilen des an Bibliophilen nicht eben armen Göttinger Publikums werden staunen, was für Rarissima hier zu sehen sind, insbesondere aus der Sammlung Wassermeyer. Dafür, daß wir aus zwei der bedeutendsten Privatsammlungen „verbrannter“ Literatur frei auswählen durften, danken wir ganz besonders herzlich: Lieber Claus, lieber Ralf – wie schön, daß ihr mit eurem Engagement dafür sorgt, daß wir alle hier sehen können, welch großartige Buchkultur die Nazis zu vernichten trachteten. Danke!

Meine Damen und Herren,

wir leben heute in einer wunderbaren Stadt, die zu Recht stolz ist auf ihre Weltoffenheit, Toleranz, kulturelle Vielschichtigkeit. Göttingen hat eine fabelhafte Universität, die ihrem gelebten Leitbild nach, Zitat, „ihre Kräfte für die Gestaltung einer humanen, toleranten und friedlichen Welt“ einsetzt. Wie anders war das vor 75, ja vor über 80 Jahren schon. Bei allen Wahlen seit 1924 lag der Stimmanteil der NSDAP deutlich über dem Reichsdurchschnitt; schon 1932, als Adolf Hitlers Göttinger Wahlkampfkundgebung von 30.000 Menschen besucht wurde, errang die NSDAP hier bei uns 52 % - im gesamten Reich waren es damals nur knapp über 37.

Am Tag der Wahl vom 5. März 1933 war die gesamte Weender Straße mit Hakenkreuzflaggen geschmückt – schon am Morgen signalisierte unsere Stadt sehr genau, was die Göttinger wählen würden. Und 63,7 % der Göttinger gaben am 5. März 33 ihre Stimme der Regierung Hitler: fast 12 % mehr als im übrigen Reich.

In dieser weiland tiefbraunen Stadt hatte es der National­sozialistische Deutsche Studentenbund leicht, die am 2. April 1933 reichsweit angelaufende „Aktion der Deutschen Studenten­schaft gegen jüdische Zersetzung“, die „Aktion wider den undeutschen Geist“ umzusetzen, deren Ziel die Studentenschaft so formuliert hatte: „Öffentliche Verbrennung jüdischen zersetzenden Schrifttums an den Hochschulorten des Reichsgebiets.“
Heinz Wolff, von Herrn von Figura bereits erwähnter „Studentenführer“, war bei uns in Göttingen maßgeblich verantwortlich für die Umsetzung dieser Aktion, und in der Göttinger Hochschul-Zeitung vom 29./30. April drohte er in einem langen Artikel ganz offen allen denjenigen Kommilitoninnen und Kommilitonen, die sich mutmaßlich zur Wehr setzten würden gegen studentische SA und Studenten­stahlhelm. Ich zitiere – und bitte Sie auf die perfide Ironie der Worte Wolffs zu achten, auf den brutalen Humor dessen, der sich seiner Sache ganz, ganz gewiß ist – ich zitiere, was Wolff denjenigen „Elementen, die den Sinn der Ereignisse der letzten Monate noch nicht begriffen“ hatten, zu verstehen gab:

„Der Nationalsozialistische Deutsche Studenten­bund insbesondere wird sich der dankenswerten Aufgabe unterziehen, auf seinem Arbeitsgebiet den Kreisen, mit denen er es zu tun hat, den Sinn des Wortes Arbeiter der Stirn und der Faust ge­hören zusammen eindeutig darzulegen. […] Die braunen Kolonnen der [Studenten-] SA haben“ keineswegs die Aufgabe, „den Herren Studierenden ihre Sicherheit zu garan­tieren.“

Der Rektor Professor Friedrich Neumann war sein Doktorvater, und Neumann war Wunschkandidat sowohl des National­sozialistischen Dozentenbundes als auch des braunen Studenten­bundes gewesen, wie im Tagebuch von Ilse Neumann nachzulesen steht. Heinz Wolff, der später – im Dritten Reich und in der Bundesrepublik - eine blendende Karriere machte und übrigens ab 1935 zwei Jahre lang Geschäftsführer des Studentenwerks in Göttingen war, hatte beim Rektorat der Universität allen Rückhalt, den er brauchte. Und Friedrich Neumann war gewiß mehr als nur ein opportunistischer Mitläufer des neuen Regimes: Nach Gerhard Frickes unsäglicher Brandrede, die der Privatdozent vor der Bücherverbrennung gehalten hatte, notierte sein Frau im Tagebuch, das Sie in der Ausstellung selbstverständlich sehen können: „Fritz ist sehr unzufrieden mit Frickes Rede. Er spricht zu sehr die Sprache der, die er bekämpft.“ Zitat Ende. 

Das ist nicht die Kritik eines Mitläufers.

Ganz genau wissen wir nicht, wie die Geschehnisse im unmittelbaren Vorfeld der Bücherverbrennung abliefen – der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund hat seine Akten noch vor 1945 vollständig vernichtet, um die Spuren seines unseligen Tuns möglichst vollständig zu tilgen. Aber einiges läßt sich dennoch mit historischer Bestimmtheit sagen: Ab dem 12. April 1933 verbreitete der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund in Göttingen ein Plakat mit zwölf Thesen „Wider den undeutschen Geist“, das eine wüste Hetze gegen jüdische Literaten darstellte.

Am 5. Mai erschien in der Göttinger Zeitung ein Aufruf an die Göttinger Bevölkerung, das „zersetzende Schrifttum“ aus jedermanns Besitz in eigens eingerichteten Sammelstellen abzuliefern, Zitat: „Jeder Deutsche Volksgenosse säubert seine Bücherei von derartigen […] Schriften! Jeder Deutsche Volksgenosse säubert die Bü­chereien seiner Bekannten und sorgt dafür, daß ausschließlich volksbewußtes Schrifttum darin heimisch ist.“

 

Mittlerweile war die „Schwarze Liste“ des Berliner Bibliothekars Dr. Wolfgang Herrmann an die Studentenschaften versendet worden, auf welcher die zur Verbrennung bestimmten Bücher aufgeführt wurden – die Werke von über 100 jüdischen, kommunistischen, sozialdemokratischen und pazifistischen Autorinnen und Autoren.

 

Was die nationalsozialistischen Studenten in den Privat­bibliotheken ihrer „Bekannten“ anrichteten, ist unbekannt; keine Überlieferung legt Zeugnis davon ab, was die Göttinger Bürgerinnen und Bürger freiwillig bei den „Sammelstellen“ einlieferten, die nicht nur vom Nationalsozalistischen Studenten­bund, sondern auch von Burschenschaften eingerichtet worden waren.

Systematisch „gesäubert“ wurden die Volksbücherei, die heute „Stadtbibliothek“ heißt, und auch die Bibliotheken der Schulen - Bücher aus universitären Beständen hingegen durften ausdrücklich nicht vernichtet werden, da der „Schmutz und Schund“ der Naziwissenschaft zugänglich bleiben sollte.

Radikal „bereinigt“ wurde die Bibliothek der Akademischen Lesehalle e.V.

Am 10. Mai durch die SA gewaltsam geplündert wurde die Bibliothek des Volksheims im Maschmühlenweg.

Buchhandlungen wurden durch Studenten und Polizei von der „zersetzenden Literatur befreit“.

Bei den Mitgliedern des vom Göttinger Philosophen Leonard Nelson begründeten Internationalen Sozialistischen Kampfbundes und bei anderen Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftsfunktionären wurden Haussuchungen veranstaltet; die dabei beschlagnahmten Bücher und „kommunistischen Pamphlete“ wurden zur Verbrennung bestimmt – oder, wenn sie nicht verbrannt wurden, in den Besitz wissenschaftlicher Bibliotheken, auch unserer Göttinger Universitätsbibliothek, überführt.

Wie diese Haussuchungen und „Säuberungen“ tatsächlich vorgingen, das vermag man sich wohl kaum vorzustellen – Studentenstahlhelm und –SA waren ebenso skrupellos gewaltbereit, wie Heinz Wolffs vorhin zitierter Artikel das besagt.

 

Niemand weiß, wie viele Bücher wie vieler Autorinnen und Autoren dann am Abend des 10. Mai tatsächlich verbrannt worden sind, auf dem Adolf-Hitler-Platz, unter dem Beifall einer riesigen Zuschauermenge und begleitet von einem gemischten Chor, der dazu „Deutschland, Deutschland, über alles“ und das Horst-Wessel-Lied skandierte – die Reden Neumanns, Frickes und Wolffs wurden von der Nordischen Rundfunk AG überregional live übertragen.

 

Meine Damen und Herren, dazu, zu den Göttinger Geschehnissen, wäre viel noch zu sagen. Aber all das werden Sie in der Ausstellung oben dokumentiert finden. Einige dort erstmals gezeigte, neu aufgefundene Dokumente werfen ein etwas anderes Licht auf die Geschichte der Göttinger Bücherverbrennung, als sie bislang geschrieben worden ist. Das sehen Sie dann selbst.

 

Einiges Wenige zumindest bleibt zu sagen darüber, was die Bücherverbrennung konkret bedeutet hat, konkret bedeutet hat für die betroffenen Autorinnen und Autoren. Denn das zeigt, denken wir, warum der 10. Mai 1933 ein wirklich einschneidendes Datum der deutschen und auch der Göttinger Geschichte ist, warum man diesen Jahrestag nicht verstreichen lassen darf, ohne sich das, was unmittelbar daraus resultierte, in Erinnerung zu rufen.

Um einen „symbolhaften Akt“ sollte es sich laut den Ankündigungen der Nazis bei der Bücherverbrennung handeln. Die Reden und begleitenden Zeitungsartikel machten deutlich, dass die Täter das ohne Wenn und Aber als Vorausdeutung auf das planten, was kommen würde: Von „ausmerzen“, „vernichten“, „ausrotten“ und „aus dem Gedächtnis tilgen“ war die Rede. Das alles war wörtlich gemeint, und so ist es dann auch geschehen – mit Büchern und mit Menschen.

 

Auf den Listen der zur Verbrennung bestimmten Literatur landeten wissenschaftliche und historische Werke, Unterhaltungsromane, politische Kampfschriften, Bücher von Kommunisten, Sozialisten, Demokraten, Pazifisten, Juden. Eines nur eint sie: Sie passten nicht ins Weltbild der Nationalsozialisten.

 

Viele, sehr viele der verfolgten Autoren waren miteinander befreundet; der Kreis der modernen, kritischen Dichter und Künstler war engmaschig miteinander vernetzt. Mit ihrer Aktion trachteten die Nazis auch danach, diese gesamte Szene der intellektuellen Opposition in Deutschland auf einen einzigen Streich zu zerschlagen. Das ist ihnen gelungen.

 

Einige der betroffenen Autorinnen und Autoren vermochten die „Aktion wider den undeutschen Geist“ genau zu interpretieren. Sie verließen das Land und gingen schon vor dem 10. Mai 1933 ins Exil – wie Joseph Roth, der schrieb: „Ich gebe keinen Heller mehr für unser Leben.“

 

Erich Mühsam war schon nach dem Reichstagsbrand in „Schutzhaft“ genommen worden. Im KZ Oranienburg wurde er von der SS-Wachmannschaft ermordet.

 

Sehr viele, die das Land nicht verlassen konnten, gerieten durch das Verkaufsverbot für ihre Bücher in akute wirtschaftliche Not und verarmten buchstäblich über Nacht – wie Joachim Ringelnatz, der eine ärztliche Behandlung seiner Tuberkulose nicht bezahlen konnte und 1934 daran starb.

Nicht wenige nahmen sich aus Verzweiflung selbst das Leben – wie 1939 Ernst Toller.

 

Manche gingen in den Widerstand – wie Günther Weisenborn, der sich der Gruppe „Rote Kapelle“ anschloss, oder wie Adam Kuckhoff, der 1943 in Berlin-Plötzensee durch den Strang hingerichtet wurde, weil er für Untergrundzeitschriften geschrieben hatte.

 

Manche verschwanden einfach spurlos aus der Welt – wie Maria Leitner, die zuletzt in Frankreich 1941 gesehen wurde – niemand weiß, ob sie ermordet wurde oder verhungert ist.

 

Viele Schriftsteller, die nicht ins Exil entkommen waren, wurden als „literarische Hochverräter“ angeklagt, unter fadenscheinigen Begründungen in „Schutzhaft“ genommen oder in den Kerker geworfen – wie Ludwig Renn, der hier bei uns in Göttingen studiert hat, und nach dem Reichstagsbrand zu 30 Monaten Zuchthaus verurteilt worden war. Danach floh er aus Deutschland und kämpfte in Spanien gegen die Faschisten.

 

Theodor Lessing, der in Göttingen bei Husserl studiert hatte, wurden durch ein Mordkommando beseitigt. Im August 1933 erschossen sudetendeutsche Nationalsozialisten ihn in seinem Arbeitszimmer im tschechoslowakischen Exilort Marienbad, mit zwei Kopfschüssen. Seine Mörder erhielten von der SA neue Identitäten, um sich der tschechoslowakischen Strafverfolgung entziehen zu können.

 

Im Exil halfen viele der verfemten Schriftsteller einander – ob sie nun wohlhabend oder selbst bettelarm waren. Das, was sie im Exil schrieben, war in Deutschland verboten – wurde in den wissen­schaftlichen Bibliotheken gleichwohl ebenso wie die „verbrannte“ Literatur systematisch gesammelt.

 

Meine Damen und Herren,

Die Eilanordnung des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes, das „schädliche Schrifttum“ müsse „ausgemerzt werden“, erging im April 1933. Nicht einmal einen Monat später war dieser Befehl mit großem Erfolg umgesetzt.

Den Schaden, den der braune Mob in knapp vier Wochen anzurichten wusste, haben wir nach 75 Jahren nicht gutmachen können. Viele Autorinnen und Autoren, deren Bücher 1933 ins Feuer geworfen wurden, sind heute vergessen. Wie die Nazis es wollten. Wie René Schickele es prognostiziert hat.

 

Daß Stadt, Universität und Jüdische Gemeinde gemeinsam und offensiv daran arbeiten, auch die finstersten, schmerzhaftesten Details der Stadt- und Universitätsgeschichte ans Licht zu bringen, das ist freilich ein gutes Zeichen.

 

Bücherverbrennungen hat es in der Geschichte viele gegeben – vor 1933 und auch noch nach 1945, sogar noch im Jahre 2008.

Die nationalsozialistische Bücherverbrennung ist dennoch ein singuläres Ereignis: Niemals vorher oder nachher hat es den – erfolgreichen! - Versuch eines Regimes gegeben, die gesamte oppositionelle Kultur auf einen Streich physisch zu vernichten – nicht nur die Werke, sondern auch deren Autorinnnen und Autoren.

 

In einer Minute wird nun die Ausstellung im Namen von Stadt, Universität, Jüdischer Gemeinde, Friederike Schmidt-Möbus und mir eröffnet sein.

Sie haben es schon gesehen – wir haben auch für Getränke gesorgt. Aber ich möchte Sie darum bitten, keine Gläser mit nach oben zu nehmen; die Ausstellungsräume sind eine strikt getränkefreie Zone.

 

Wenn Sie sich das alles dann angeschaut haben, dann werden Sie vielleicht Abscheu, Entsetzen, Trauer und Verständnislosigkeit empfinden angesichts dessen, was heute auf den Tag genau vor 75 Jahren in unserer Stadt und überall in Deutschland geschehen ist. Aber eines, bitten wir Sie herzlich, eines seien Sie nicht: sprachlos.

Denn die Sprache ist unser aller Waffe wider diejenigen, deren Barbarei und Inhumanität ohne Beispiel ist. Die Sprache ist unsere Waffe, die wir denen zum Trotz stellen können, um uns derjenigen zu erinnern, die von den Nationalsozialisten von der Tafel getilgt werden sollten.

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Öffnungszeiten

Di bis So | 10 bis 18 Uhr | Eintritt frei

Führungen

Jeweils dienstags und donnerstags | 17 Uhr | für Gruppen auch nach Vereinbarung und telefonischer Voranmeldung: 0551/400-2485 | Eintritt frei

Aufgrund der großen Resonanz werden zusätzliche öffentliche Führungen (Eintritt frei) durch die Ausstellung angeboten:
24. Mai | ab 12.00 Uhr
31. Mai | ab 10.00 Uhr

Veranstalter

Stadt Göttingen | Fachbereich Kultur
Tel: (0551) 400 2486 | kultur@goettingen.de
www.goettingen.de

Georg-August-Universität Göttingen
www.uni-goettingen.de

Jüdische Gemeinde Göttingen e.V.
www.liberale-juden.de/cms/index.php?id=24