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Grußwort des Präsidenten der Georg-August-Universität Prof. Dr. Kurt von Figura

zur Eröffnung der Ausstellung

Verehrte Frau Professor Grebing,

verehrter Herr Oberbürgermeister,

Herr Professor Möbus,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

75 Jahre ist es heute her, dass die Nationalsozialisten mit ihrer „Aktion wider den undeutschen Geist“ den Versuch unternahmen, die von ihnen verhasste Literatur und Kunst in Deutschland so weit wie möglich auszumerzen und aus dem Gedächtnis der Menschen zu streichen. Den Höhepunkt der Kampagne bildete eine groß angelegte Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 in Göttingen und vielen anderen Städten.

 

Den Flammen der Scheiterhaufen fielen Werke von Erich Kästner, Heinrich Mann, Carl von Ossietzky, Kurt Tucholskys sowie zahlloser weiterer, zum Teil heute in Vergessenheit geratener Autoren, zum Opfer. Hierüber wie auch über Ablauf und Hintergründe der Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 und in den Wochen danach informiert sie die Ausstellung "und euch zum Trotz", für deren Konzeption und Durchführung ich mich bei den Mitarbeitern unserer Universität, der Stadt Göttingen und der jüdischen Gemeinde Göttingen sehr herzlich bedanken möchte.

Man sollte meinen, die deutschen Universitäten hätten ein Bollwerk gegen diesen Angriff auf Meinungsfreiheit, auf Wissen und Kultur sein müssen. Doch die Wirklichkeit sah anders aus. Wie Albrecht Schöne, der bekannte Göttinger Germanist, einmal formulierte, zählten die Universitäten in jenen Tagen zwar „aufs Ganze gesehen keineswegs zu den Sturmabteilungen des Nationalsozialismus. Doch willentlich oder unwillentlich, wissentlich oder unwissentlich haben sie dem, was da heraufzog, in vielfacher Hinsicht Vorschub geleistet. Im übrigen“, so Albrecht Schöne, „haben sie geschehen lassen, was jetzt geschah.“

Tatsache ist, dass die Organisation und Durchführung der „Aktion wider den deutschen Ungeist“, die in der Bücherverbrennung gipfelte, maßgeblich in der Hand der Führung der Deutschen Studentenschaft lag. Man muss wissen, dass bereits zwei Jahre zuvor die Führung der Deutschen Studentenschaft vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund übernommen worden war. Auch in Göttingen hatte die Hochschulgruppe der Nationalsozialisten bereits 1931 die absolute Mehrheit im Selbstverwaltungsparlament der Studentenschaft erlangen können. Heinz Wolff, der neue Führer der Göttinger Studentenschaft, machte schon bald darauf deutlich, dass die Zeit der Demokratie an der Georgia Augusta nun vorbei war. 1932 schrieb er in der Göttinger Hochschul-Zeitung:

“In der neuen Verfassung [der Studentenschaft] wird bewusst der Führergedanke, in starker Antithese zum früheren demokratischen Aufbau in den Vordergrund gestellt werden”

Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem heutigen Albaniplatz, dieser war am 24. März 1933 von Theaterplatz in Adolf-Hitler-Platz umbenannt worden – Hitler selbst war am 19. April die Ehrenbürgerschaft der Stadt Göttingen verliehen worden, alles innerhalb der ersten 6 Wochen nach der Reichstagswahl am 5. März, in der in Göttingen mit knapp 64% der Wähler, 12 % mehr als im Reichsdurchschnitt für die NSDAP und Hitler gestimmt hatten, die Bücherverbrennung und die sie begleitenden Aktionen waren für die Führung der Studentenschaft eine Möglichkeit zu zeigen, dass man fähig war, solchen Worten Taten folgen zu lassen.

Es wäre allerdings verkürzt, die Verbindung zwischen der Universität und der Bücherverbrennung allein auf die studentischen Organisationen zu beschränken. An den Bücherverbrennungen in Deutschland nahmen auch zahlreiche Professoren aktiv teil. Einer von ihnen war in Göttingen der Philologe Friedrich Neumann, der Rektor der Georg-August-Universität war.

Neumann war es, der mit einer groß angelegten Rede den Auftakt zur Bücherverbrennung und ihrer Inszenierung gab. Wie das Göttinger Tageblatt am Tag nach dem Ereignis schrieb, brachte er dabei „zum Ausdruck, daß es im Kampfe wider den undeutschen Geist mit einer symbolhaften Handlung allein noch nicht getan sei. Vielmehr gelte es in jedem einzelnen Falle die Frage zu stellen und zu prüfen, was schädlich und undeutsch sei.” (Göttinger Tageblatt, 11.5.1933).

Zum Zeitpunkt der Bücherverbrennung hatte Neuman erst seit kurzer Zeit das Amt des Rektors der Georg-August-Universität inne. Nach Einschätzung der Historikerin Kerstin Thieler verdankte er seine Ernennung zum Rektor “dem Umstand, dass er nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten sowohl für überzeugte Nationalsozialisten als auch für ältere und weitestgehend unpolitische Professoren tragbar war."

Während des ‘Dritten Reiches’ trat Neumanns wissenschaftliche Arbeit hinter seinen hochschulpolitischen und weltanschaulichen Aktivitäten zurück. Er trat der SS als Fördermitglied bei, leitete NS-Dozentenakademien und richtete die Neubesetzung von Lehrstühlen streng nach nationalsozialistischen Vorgaben aus.

1945 wurde Neumann seines Amtes enthoben, das Entnazifizierungsverfahren 1949 führte zur Einstufung als Mitläufer. Schon ein Jahr später galt er als entlastet und wurde 1954 ordnungsgemäß emeritiert.

Je näher man den Blick auf die Ereignisse am 10. Mai 1933 lenkt, desto deutlicher tritt hervor, dass die Verzahnungen zwischen der Georgia Augusta und der Bücherverbrennung eng und vielfältig war. Sich mit den Geschehnissen von damals auseinanderzusetzen, bedeutet deshalb nicht nur, sich mit einem erschreckenden Kapitel unserer Stadtgeschichte, sondern zugleich der Geschichte unserer Universität zu konfrontieren.

Lassen Sie mich abschließend noch auf zwei Punkte eingehen. Im Rahmen der Vorbereitungen dieser Ausstellung sind Mitarbeiter der Universität auf Bücherkomplexe innerhalb unserer Bibliothek gestoßen, die zwischen 1933 und 1945 in die Bestände der Bibliothek aufgenommen worden waren, von denen aufgrund verschiedener Hinweise davon ausgegangen werden kann, dass sie aus Enteignungen stammen. Wie umfangreich die unrechtmäßig im Besitz der SUB befindlichen Bestände sind, lässt sich im Augenblick auch noch nicht annähernd sagen. Mehr als 100.000 Zugänge aus diesen Jahren müssen überprüft werden. Die Mitarbeiter der Universität schaffen derzeit die Voraussetzungen für ein Forschungsprojekt, dass diese widerrechtlich in der SUB befindlichen Bestände erfassen und ihre Herkunft ermitteln soll, um so die Voraussetzung der Restitution zu schaffen, zu der wir nicht nur verpflichtet sind, sondern zu der wir uns auch nachdrücklich bekennen.

In der Auseinandersetzung mit der Barbarei der Unrechts- und Greueltaten des Nationalsozialismus geht oft unter, dass es auch Widerstand gegen solche Aktionen gegeben hat. An zwei Beispiele von mehreren, die im Zusammenhang mit der Bücherverbrennung bekannt geworden sind, möchte ich hier erinnern, aus Respekt vor der Zivilcourage derer, die sich unter Bedingungen des Drucks von allen Seiten ihre unabhängige Meinung bewahrten und den Mut hatten, öffentlich dafür einzustehen und uns allen zur Mahnung, dass Zivilcourage gerade dann gefordert ist, wenn Handeln mit persönlichen Risiken verbunden ist. Der Rektor der Berliner Universität, Eduard Kohlrausch, kündigte seinen Rücktritt an, sollte ein Plakat mit 12 Thesen wider den undeutschen Geist, mit dem am 12. April die Bücherverbrennung vom 10. Mai vorbereitet wurde, nicht aus dem Vestibül der Universität entfernt werden. Teil dieser Thesen waren so unsägliche Formulierungen wie: Unser gefährlichster Widersacher ist der Jude und der, der ihm hörig ist (These 4) oder: Der Jude kann nur jüdisch denken. Schreibt er deutsch, dann lügt er (Ausschnitt aus These 5). Gerhard Schumann, der Württembergische Landesführer des NS-Studentenbundes, untersagte die Teilnahme an der "Aktion wider den undeutschen Geist" und hielt trotz Protesten einzelner Studentenschaften aus Berlin an seinem Verbot fest. Er wurde darin im übrigen vom Württembergischen Ministerpräsidenten und Kultusminister Prof. Mergenthaler unterstützt. Ich wünsche dieser Ausstellung und den begleitenden Informationsveranstaltungen eine breite öffentliche Resonanz, aufmerksame und nachdenkliche Besucher, gerade unter den jüngeren unter uns. Ich bin sicher, dass uns das Wissen um die Barbarei des 10. Mai 1933 mithilft, Anfängen in Richtung geistiger und physischer Intoleranz zu widerstehen.

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Ausstellung im Alten Rathaus

Öffnungszeiten

Di bis So | 10 bis 18 Uhr | Eintritt frei

Führungen

Jeweils dienstags und donnerstags | 17 Uhr | für Gruppen auch nach Vereinbarung und telefonischer Voranmeldung: 0551/400-2485 | Eintritt frei

Aufgrund der großen Resonanz werden zusätzliche öffentliche Führungen (Eintritt frei) durch die Ausstellung angeboten:
24. Mai | ab 12.00 Uhr
31. Mai | ab 10.00 Uhr

Veranstalter

Stadt Göttingen | Fachbereich Kultur
Tel: (0551) 400 2486 | kultur@goettingen.de
www.goettingen.de

Georg-August-Universität Göttingen
www.uni-goettingen.de

Jüdische Gemeinde Göttingen e.V.
www.liberale-juden.de/cms/index.php?id=24