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Grußwort von Oberbürgermeister Wolfgang Meyer

auf dem Fest zur Eröffnung der Ausstellung „...und euch zum Trotz“

Verehrte Frau Prof. Dr. Grebing,

verehrter Herr Präsident Prof. Dr. von Figura,
sehr geehrter Herr Prof. Dr. Möbus,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
meine sehr geehrten Damen und Herren, 

„Wider den undeutschen Geist“ ging man am 10. Mai 1933 auf die Straße, zum Adolf–Hitler–Platz, dem Platz vor der Albani–Schule. Der Scheiterhaufen war der deutschen Literatur, war der deutschen Kultur schon bereitet. Mit einem monströsen Schlag wollte man vielen Schriftstellern, Publizisten und Autoren den fanalen Garaus machen – wie zur gleichen Zeit in 21 anderen deutschen Städten.

In Göttingen marschierten die Studenten der Georg-August-Universität vorweg, aber viele Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt folgten ihnen, um ein bis dahin nie da gewesenes Beispiel zu geben, wie das nationalsozialistische Regime schon 1933 und vor allem in den Jahren danach umzugehen gedachte – mit Menschen jüdischen Glaubens, mit anders Denkenden und anders Schreibenden, mit allen, die ihr Weltbild nicht teilten und die sich nicht von ihrer braunen Kultur uniformieren ließen.

Blinder Hass, ideologischer Wahn, der Irrglaube an die eigene rassische und kulturelle Überlegenheit, der Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer anscheinend unbesiegbaren Massenbewegung, aber auch duckendes Mitläufertum, das waren alles Motive, sich an dieser widerwärtigen Inszenierung zu beteiligen und sie zu feiern.

1933 brannten „nur“ Bücher. Aber das gespenstische Flammenmeer nur wenige hundert Meter von hier entfernt musste eine schreckliche Vorahnung nähren:

"Dies war ein Vorspiel nur. Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen." Heinrich Heine hatte es prophezeit. Diese letztlich schreckliche Wahrheit mussten Millionen Menschen mit unvorstellbaren Leiden und mit ihrem Leben bezahlen.

Der 10. Mai 1933 ist ein untilgbares Datum in der Göttinger Stadtgeschichte. Dieses Datums gedenkt die Ausstellung, die wir heute eröffnen werden. Wir wollen auch damit diese beispiellose Schande unvergessen machen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
zur Eröffnung der Ausstellung „...und euch zum Trotz“ heiße ich Sie alle willkommen. Ich begrüße Sie im Namen unserer Stadt hier im Alten Rathaus, wo die Ausstellung anschließend bis zum 1. Juni zu sehen sein wird.

Die Stadt, die Georg-August-Universität und die Jüdische Gemeinde haben sich zur Realisierung dieses wichtigen Kulturprojekts zusammen gefunden und, wie ich es sehe, ein beispielhaft gutes, ein beeindruckendes und vielschichtiges Werk ermöglicht.

Meinen Dank dafür an unsere Partner, vor allem an die beiden Kuratoren der Ausstellung, Dr. Friederike Schmidt-Möbus und Prof. Dr. Frank Möbus. Ich danke den Leihgebern. Und mein Dank gilt allen Unternehmen, Organisationen und Stiftungen, die diese Ausstellung so großzügig wie engagiert unterstützt haben.

Was deutscher Geist jener Tagen gegen den vermeintlichen undeutschen Geist anzurichten imstande war, daran werden uns die Ausstellung und ihr umfangreiches Begleitprogramm erinnern. Wir begegnen den Werken verbrannter, verbotener, verbannter, verfolgter, geschändeter und teilweise auch vergessener Literatur. Und diese Ausstellung schafft neue Nähe zu den Schriftstellern und Publizisten, die verbannt, verfolgt, getötet oder ins Exil getrieben wurden und von denen einige wie ihre Bücher darüber leider ebenso in Vergessenheit gerieten.

Dieses Gedenken, dieses Erinnern sind wir ihnen schuldig. Wenigstens.

Uns schulden wir auch nach 75 Jahren und auch in Zukunft die wahrhaftige Konfrontation mit den Jahren nationalsozialistischer Tyrannei in unserer Stadt – wie schon durch die Reihe „Göttingen unterm Hakenkreuz“, wie durch die inzwischen fast lückenlose, öffentliche Dokumentation der Zwangsarbeit in Göttingen, wie durch die zahlreichen Stätten des Gedenkens überall in der Stadt, auch zum 10. Mai 1933, wie durch die verschiedenen Veranstaltungsprogramme, mit denen wir uns Jahr für Jahr unserer Vergangenheit stellen.

Vorträge und Lesungen, Film und szenisches Projekt werden diese Ausstellung in den nächsten Wochen begleiten. Mein Wunsch ist, dass möglichst viele Göttinger Bürgerinnen und Bürger die Ausstellung als Einladung begreifen, als Chance, der Begegnung mit diesem Teil unserer Geschichte nicht ausweichen zu können.

Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam und lautstark und dauerhaft den grausamen Tätern auch nach 75 Jahren nachrufen: euch zum Trotz!

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Ausstellung im Alten Rathaus

Öffnungszeiten

Di bis So | 10 bis 18 Uhr | Eintritt frei

Führungen

Jeweils dienstags und donnerstags | 17 Uhr | für Gruppen auch nach Vereinbarung und telefonischer Voranmeldung: 0551/400-2485 | Eintritt frei

Aufgrund der großen Resonanz werden zusätzliche öffentliche Führungen (Eintritt frei) durch die Ausstellung angeboten:
24. Mai | ab 12.00 Uhr
31. Mai | ab 10.00 Uhr

Veranstalter

Stadt Göttingen | Fachbereich Kultur
Tel: (0551) 400 2486 | kultur@goettingen.de
www.goettingen.de

Georg-August-Universität Göttingen
www.uni-goettingen.de

Jüdische Gemeinde Göttingen e.V.
www.liberale-juden.de/cms/index.php?id=24