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Aufruf zur Denunziation jüdischer, pazifistischer, kommunistischer Hochschullehrer

In derselben Ausgabe der Göttinger Zeitung, in der die Einrichtung von „Sammelstellen" für die zur Verbrennung bestimmten Bücher bekanntgemacht wurde, rief die Studentenschaft zur Denunziation jüdischer und nicht-nationalsozialistischer Hochschullehrer auf.

Im am 7. April 1933 erlassenen „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" hieß es § 3 (1): „Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand […] zu versetzen"; § 4: „Beamte, die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, daß sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten, können aus dem Dienst entlassen werden."

Das Gesetz lieferte die Grundlage für die radikale „Säuberung" der Universitäten. Bereits am 25. April waren auf der Grundlage des neuen Gesetzes die Mathematiker Richard Courant, Felix Bernstein und Emmy Noether, der Physiker Max Born, der Jurist Richard Honig und der Pädagoge Curt Bondy entlassen worden – in der Folgezeit waren mehr als siebzig weitere Gelehrte von dem Gesetz betroffen.

Die Angst und Schrecken verursachende Denunziation war ein wichtiges Element des perfiden nationalsozialistischen Herrschaftssystems, das sich die niedrigsten Instinkte seiner Anhänger zur Waffe gegen Andersdenkende zu machen verstand.

Ein Aufruf an die

Einzelstudentenschaften.

Anweisungen zur Mitarbeit an den Säuberungen des Berufsbeamtentums.

 

Der Führer der „Deutschen Studentenschaft" hat einen Aufruf an die Einzel-Studentenschaften erlassen, in dem folgende Anweisungen gegeben werden: „Zur Beschleunigung der von der Reichsregierung beschlossenen Maßnahmen zur Säuberung des Berufsbeamtentums sind von den Studentenschaften an den Führer der DSt. möglichst umgehend folgende Angaben zu machen:

a) Aufzählung der Hochschullehrer, die unter das Gesetz vom 7. April 1933 fallen, das heißt Hochschullehrer, die Juden sind oder kommunistischen Organisationen bezw. dem Reichsbanner u. ä. angehört haben; ebenso die Hochschullehrer, die nationale Führer, die Bewegung der nationalen Erhebung oder das Frontsoldatentum beschimpft haben. Hierfür sind genaue Zeugen-Angaben notwendig (eidesstattliche Versicherung).

b) Aufstellung sämtlicher Hochschullehrer, deren wissenschaftliche Methode ihrer liberalen bezw. insbesondere pazifistischen Einstellungen entspricht, die daher für die Erziehung des deutschen Studenten im nationalen Staate nicht in Frage kommen. Auch hier ist eine genaue Quellenangabe (Schriften, Aeußerungen in Kollegs oder Uebungen usw. erforderlich).

c) Angabe der Hochschullehrer und Assistenten (Bezeichnung der Größe und Art des Lehrbereichs) mit politisch einwandfreier Haltung im Sinne der nationalsozialistischen Revolution und einer dieser Haltung entsprechenden wissenschaftlichen Methode. Auf Mitteilung von Hochschullehrern, die bei einwandfreier Haltung nur eine mittelmäßige wissenschaftliche Begabung aufweisen, legen wir keinen Wert.

d) In jeder Hochschule ist ein der unter Absatz c) zu nennenden Hochschullehrer vom Führer der örtlichen Studentenschaft dem Führer der DSt. als Vertrauensdozent zu benennen.

e) Die Studentenschaften haben alle Vorbereitungen zu treffen, um auf Anordnung des Führers der DSt. einen wirksamen Boykott der Vorlesungen und Uebungen von Hochschullehrern durchzuführen, deren Entfernung aus dem Amt durch den Staat nicht sofort möglich ist.

f) Es wird verwiesen auf Anlage 2., betr. Aktion wider den undeutschen Geist."

(Göttinger Zeitung, 5. Mai 1933)

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Öffnungszeiten

Di bis So | 10 bis 18 Uhr | Eintritt frei

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Jeweils dienstags und donnerstags | 17 Uhr | für Gruppen auch nach Vereinbarung und telefonischer Voranmeldung: 0551/400-2485 | Eintritt frei

Aufgrund der großen Resonanz werden zusätzliche öffentliche Führungen (Eintritt frei) durch die Ausstellung angeboten:
24. Mai | ab 12.00 Uhr
31. Mai | ab 10.00 Uhr

Veranstalter

Stadt Göttingen | Fachbereich Kultur
Tel: (0551) 400 2486 | kultur@goettingen.de
www.goettingen.de

Georg-August-Universität Göttingen
www.uni-goettingen.de

Jüdische Gemeinde Göttingen e.V.
www.liberale-juden.de/cms/index.php?id=24