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Jeder deutsche Student gehört in den NSDStB.!

Einen Augenblick, Herr Kommilitone!

Göttinger Hochschul-Zeitung, Sommersemester 1933

Seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in März 1933 hatte sich in der Stadt Göttingen – und vor allem an der Georgia Augusta – viel geändert: Getragen von der breiten Sympathie der Bevölkerung, die am 5. März mit 63,7 % für die NSDAP gestimmt hatte (der Anteil der nationalsozialistischen Stimmen lag damit fast 10 % über Reichsdurchschnitt), dominierten die zumeist in SA-Uniformen auftretenden Mitglieder des NSDStB (Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund) den akademischen Alltag in jeder Hinsicht. Gegen Andersdenkende, namentlich innerhalb der Studentenschaft, wurde mit beträchtlicher Gewaltbereitschaft vorgegangen. Der folgende Artikel aus der Göttinger Hochschul-Zeitung, mit dem die Studierenden zu Beginn des Sommersemesters an der Universität empfangen wurden, ist nichts anderes als eine wenig subtile Androhung von gewaltsamen Repressionen gegenüber allen denjenigen, die sich den Nazis nicht anschließen oder gar in den Weg stellen wollten.

Zunächst eine Binsenweisheit: Das Semester beginnt. Das merkt man nicht nur auf Grund der Vorlesungsverzeichnisse und Anschläge an den schwarzen Brettern der Universitäten, sondern auch an dem persönlichen Erscheinen der Herren Studierenden. Seit dem Semesterende hat sich mancherlei in Deutschland ereignet. Der 5. März und seine Auswirkungen haben in Deutschland die Ordnung hergestellt und den tatsächlichen Sieg der NSDAP. aller Welt vor Augen geführt. Gleichschaltungen haben in Verbindung mit der sagenhaft großen Angst der Herren von gestern und vorgestern dafür Sorge getragen, daß das Bild einer großen Einheit nicht durch Reste von Krankenkassenbonzen oder durch sonstige schwarz-rot-gelbe Quertreibereien gestört werden konnte. Die Achtung und Anerkennung des Sieges, der verdienten Sieges der deutschen Freiheitsbewegung, ist zur Selbstverständlichkeit geworden, die geradezu in den Kreisen des politischen Treibholzes zum guten Ton zu gehören scheint. Es ist deshalb notwendig, zum neuen Semester bei den Herren Studierenden, soweit den Kommilitonen in den Ferien daheim nicht bereits die dringend notwendige Achtung beigebogen ist, diese, nennen wir es erzieherische Maßnahme, alsbald nachzuholen. Es gibt unter diesen freundlichen Herrschaften, die mit dem gefüllten Geldbeutel ihres Herren Vaters ins Semester kommen, zweifelsohne (das sieht man ihren recht hochnäsigen Gesichtern noch an) Elemente die den Sinn der Ereignisse der letzten Monate noch nicht begriffen haben und deren Benehmen geradezu zur Gleichschaltung auffordert. Der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund insbesondere wird sich der dankenswerten Aufgabe unterziehen, auf seinem Arbeitsgebiet den Kreisen, mit denen er es zu tun hat, den Sinn des Wortes „Arbeiter der Stirn und der Faust gehören zusammen" eindeutig darzulegen. Wenn unsere Kameraden der Betriebszellen-Organisationen mit Erfolg den Massen der Handarbeiterschaft den Wahnsinn des Klassenkampfgedankens vor Augen führen und sie damit vom Irrwahn des Marxismus befreien, werden wir Studenten im Braunhemd dem Kastengeist des Bürgertums auch auf Deutschlands hohen Schulen rücksichtslos zu Leibe gehen. Hier entscheidet nicht der väterliche Geldbeutel, sondern die Leistung.

Wir sind davon überzeugt, daß die Herren Studierenden aus dem gewaltigen Geschehen der letzten Monate lediglich ihr Körnchen herauspicken. Die Tatsache, daß der rote Terror verschwunden ist und man wieder frei und unbehelligt seiner Wege gehen kann. Die braunen Kolonnen der SA. habe sich nicht lange Jahre hindurch vom roten Mob im Straßenkampf die Köpfe einschlagen lassen, um den Herren Studierenden ihre Sicherheit zu garantieren. Die Revolution, die sich durch die Disziplin der SA. und aller Pg. in so würdigem Rahmen anbahnte, geht weiter. Diese Revolution, die die Revolution des jungen Deutschland ist, erfordert nach wie vor Opfer und Einsatz. Und diesen Einsatz verlangt Deutschland, verlangt der Führer, verlangen die Kämpfer der schweren Jahre insbesondere von der deutschen akademischen Jugend. Glaube niemand, daß die Zeiten des Kampfes vorüber seien und nunmehr die einzige Sorge darin bestände, nicht den Anschluß zu verpassen, um irgendwo und wann eine einflußreiche Stelle zu erwischen. Wir warnen Neugierige. Die Herren Kommilitonen, die da aus den Ferien zurückkehren und gnädigst nach reiflicher Ueberlegung dem Studentenbund beitreten, seien darauf hingewiesen, daß der NSDStB. nach wie vor eine Kampforganisation ist, die den verehrten Herren Mitgliedern Dienst und nochmals Dienst vorschreiben wird. Einordnung in den Rahmen der Organisation, die seit 14 Semestern für Adolf Hitler um die deutsche Hochschule kämpft. Einordnung heißt Unterordnung und da wird es wohl oder übel notwendig sein, daß nicht die Semesterzahl, das Amt und dessen Wichtigkeit im Studentenbund bestimmt, sondern die persönliche Tüchtigkeit in Verbindung mit den Dienstsemestern des NSDStB. Das möchten wir unseren „jungen" Kommilitonen jeglichen Alters zuvor in aller Freundschaft und Deutlichkeit zu verstehen geben. Zusammengefaßt: Wir freuen uns von ganzem Herzen auf jede junge Kraft, auf jeden neuen Kameraden, der gewillt ist, mit uns zu arbeiten. Alle Leute aber, die Anmaßung und Hochnäsigkeit in Erbpacht genommen haben, bitten wir jedoch ergebenst, sich den dann zuständigen Organisationen anzuschließen.

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Öffnungszeiten

Di bis So | 10 bis 18 Uhr | Eintritt frei

Führungen

Jeweils dienstags und donnerstags | 17 Uhr | für Gruppen auch nach Vereinbarung und telefonischer Voranmeldung: 0551/400-2485 | Eintritt frei

Aufgrund der großen Resonanz werden zusätzliche öffentliche Führungen (Eintritt frei) durch die Ausstellung angeboten:
24. Mai | ab 12.00 Uhr
31. Mai | ab 10.00 Uhr

Veranstalter

Stadt Göttingen | Fachbereich Kultur
Tel: (0551) 400 2486 | kultur@goettingen.de
www.goettingen.de

Georg-August-Universität Göttingen
www.uni-goettingen.de

Jüdische Gemeinde Göttingen e.V.
www.liberale-juden.de/cms/index.php?id=24