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Bücherverbrennungen nach 1945

Auch in der Nachkriegszeit kam es immer wieder zu Verbrennungsaktionen „lesensunwerter“ und „zersetzender“ Schriften – und zwar in beiden deutschen Staaten. Nach dem Zweiten Weltkrieg gerieten besonders die bei Jugendlichen beliebten Comics und sonstige „Schundliteratur“ ins Visierbundesrepublikanischer Jugendschützer und Tugendwächter. Ob nun Sigurd, Tarzan oder Akim – alles, was nicht der „geistigen und sittlichen Erziehung“ der Jugend diente, galt als potenziell jugendgefährdend und kriminalitätsfördernd. Gerade Comics standen im Verdacht, mit ihren „primitiven“ Inhalten und ihrer typisch bildhaften Sprache „Analphabetismus“ und die „Verdummung der Massen“ zu fördern. Auch in der DDR passte solche „Schmutz- und Schundliteratur“ nach Meinung von Elternverbänden und Politikern nicht in den realsozialistischen Alltag von Jugendlichen. 

 In den 1950er-Jahren kam es dann sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR zu aufsehenerregenden Initiativen, die den Siegeszug der Comics stoppen und die Jugend vor dem „Opium in der Kinderstube“ (Der Spiegel vom 21.März 1951) schützen helfen sollten. So veranstaltete die Stadt Hagen im Dezember 1954 die „Schmökergrab-Aktion“, in der Jugendliche für zehn Comics oder fünf Groschenheftchen ein Jugendbuch erhielten. Diese „Reinigungsaktionen“ gipfelten nicht selten in öffentlichen Verbrennungen der angeprangerten Bücher und Hefte.

Auch heute noch kommt es überall auf der Welt in regelmäßigen Abständen zu Bücherverbrennungen. Religiöse Eiferer werfen den Koran, die Bibel oder Harry-Potter-Romane ins Feuer, Neonazis verbrannten bei einer Sonnenwendfeier in Pretzien (nahe Magdeburg) am 24. Juni 2007 das Tagebuch der Anne Frank: „Wer etwas Artfremdes“ hat, „der möge es jetzt dem Feuer übergeben", hat dabei einer der Beteiligten laut der Anklageschrift wegen Volksverhetzung und der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener  gesagt.   

  

1948 – Binghamton/New York, USA

Im Jahre 1948 verbrennen Kinder aus Binghamton mit der Unterstützung von Lehrern, Eltern und Kirchenvertretern rund 2.000 Comic-Hefte.

1940er-/1950er-Jahre – Birobidschan/Jüdisches Autonomes Gebiet, UdSSR

Im Zuge der von Stalin initiierten antijüdischen Kampagne in der Sowjetunion wird die Judaika-Sammlung der örtlichen Bibliothek der Hauptstadt des an China grenzenden Jüdischen Autonomen Gebiets verbrannt.

1953 – Auslandsbibliotheken des US-Außenministeriums

Im Zuge der antikommunistischen Kampagne des Senators Joseph McCarthy werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Auslandsbibliotheken des US-Außenministeriums angewiesen, Werke von „kontroversen Personen" wie „Kommunisten und deren Sympathisanten" aus den Regalen zu entfernen. Dabei kommt es auch zu Verbrennungen dieser Bücher. Präsident Eisenhower befürwortet zwar die Entfernung der umstrittenen Werke, lehnt aber gleichzeitig Bücherverbrennungen ab.

1956 – Rangeley/Maine, USA

Die Werke des Psychoanalytikers Wilhelm Reich, Vater der „Orgon"-Theorie, werden nach einer gerichtlichen Anordnung auf dessen Anwesen in Rangeley von Bundesagenten beschlagnahmt und vollständig verbrannt. Zuvor hatte Reich, der als „Kommunist" galt, gegen das Verkaufsverbot seiner „Orgon-Akkumulatoren" verstoßen.

1965 – Indonesien

Die Bibliothek des linksoppositionellen Schriftstellers Pramoedya Ananta Toer wird von Anhängern des Generals Haji Mohamed Suharto, dem Führer der Militärjunta, vollständig verbrannt.

1981 – Jaffna, Sri Lanka

Die Bibliothek in Jaffna im tamilisch-dominierten Norden Sri Lankas wird während des Bürgerkriegs von regierungstreuen Söldnern und Polizisten in Zivil angezündet. Die zweitgrößte Bibliothek Südostasiens mit über 95.000 Bänden, darunter auch eine historische Sammlung beschrifteter Palmblätter, wird vollständig zerstört.

1986 – Valparaiso, Chile

Das chilenische Innenministerium lässt auf Befehl des Diktators Augusto Pinochet 15.000 Exemplare der Reportage Das Abenteuer des Miguel Littín – Illegal in Chile des kolumbianischen Journalisten Gabriel José García Márquez verbrennen.

1988 – Bolton und Bradford, Großbritannien

Der Roman Die satanischen Verse des indisch-britischen Schriftstellers Salman Rushdie wird von islamischen Fundamentalisten öffentlich verbrannt. In fünf britischen und zwei amerikanischen Buchläden, die das Buch verkaufen, kommt es darüber hinaus zu Brandanschlägen.

1992 – Sarajevo, Bosnien-Herzegowina

Serbische Nationalisten beschießen während des Bürgerkriegs die Bibliothek des Orientalischen Instituts (Orijentalni institut) mit Brandgranaten und vernichten dabei sämtliche Bücher und Manuskripte.

1990er-Jahre – Grande Cache/Alberta, Kanada

Radikal-christliche Mitglieder der Full Gospel Assembly verbrennen Bücher und Schriften mit Inhalten „gegen die Lehre Gottes".

1999 – China

Bücher mit Lehren des Falun Gong-Kults werden von der chinesischen Regierung verbrannt. Die kommunistische Regierung bezeichnet Falun Gong als „böse" Sekte, die China destabilisieren wolle.

2000 – Berkeley/Kalifornien, USA

Mehrere Exemplare des Buches Cop Killer: How Mumia-Abu Jamal Conned Millions Into Believing He Was Framed des rechtskonservativen amerikanischen Autors Daniel Flynn werden während einer Lesung von protestierenden Studierenden vor dem Veranstaltungssaal verbrannt.

2001 – Ägypten

Das Ägyptische Kulturministerium lässt 6.000 Bücher mit homoerotischen Gedichten des klassischen arabischen Dichters Abu Nuwas verbrennen.

2001 – Alamogordo/Neu-Mexiko, USA

Mitglieder der christlich-fundamentalistischen Christ Community Church verbrennen zu den Klängen von Amazing Grace zahlreiche Ausgaben der Harry-Potter-Romanreihe. Laut dem Gründer der Kirche, Pastor Jack Brock, enthielten die Bücher „satanische" Inhalte und leiteten Kinder zur „Hexerei" an. Auch in weiteren amerikanischen Städten kommt es zu Verbrennungen von Harry- Potter-Büchern.

2003 – Bagdad, Irak

Im Zuge der US-amerikanischen Invasion des Iraks und der Eroberung der Hauptstadt Bagdad gerät die irakische Nationalbibliothek in Brand und wird vollständig zerstört. Die eintreffenden amerikanischen Truppen unternehmen keinen Versuch, den Brand zu löschen. Zahlreiche Bücher aus dem 16.Jahrhundert und eine der ältesten bekannten Koran-Ausgaben werden dabei vernichtet.

2007 – Stockholm, Schweden

Aktivisten der Anti-Copyright-Organisation Piratbyrån verbrennen ihre eigene Publikation Copy Me in einem rituellen Akt.

2006 – Moskau, Russland

Orthodoxe Geistliche verbrennen öffentlich Harry-Potter-Romane, weil sie „des Satans" seien. Auch in den USA kommt es an verschiedenen Orten zu neuerlichen Harry-Potter-Verbrennungen.

2007 – Kansas City/Missouri, USA

Die Besitzer eines antiquarischen Buchladens verbrennen aus Protest gegen die „wachsende Ignoranz gegenüber dem gedruckten Wort" öffentlich einen Teil ihres Inventars. Die Aktion wurde von der Feuerwehr wegen einer fehlenden Genehmigung abgebrochen.

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Ausstellung im Alten Rathaus

Öffnungszeiten

Di bis So | 10 bis 18 Uhr | Eintritt frei

Führungen

Jeweils dienstags und donnerstags | 17 Uhr | für Gruppen auch nach Vereinbarung und telefonischer Voranmeldung: 0551/400-2485 | Eintritt frei

Aufgrund der großen Resonanz werden zusätzliche öffentliche Führungen (Eintritt frei) durch die Ausstellung angeboten:
24. Mai | ab 12.00 Uhr
31. Mai | ab 10.00 Uhr

Veranstalter

Stadt Göttingen | Fachbereich Kultur
Tel: (0551) 400 2486 | kultur@goettingen.de
www.goettingen.de

Georg-August-Universität Göttingen
www.uni-goettingen.de

Jüdische Gemeinde Göttingen e.V.
www.liberale-juden.de/cms/index.php?id=24