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Die Göttinger Bücherverbrennung - Chronologie

Am 2. April 1933 kündigte das Berliner Hauptamt für Presse und Propaganda der Deutschen Studentenschaft in einem Rundschreiben an alle Studentenschaften die „Aktion der Deutschen Studentenschaft gegen jüdische Zersetzung" und ihr Ziel an:
„Oeffentliche Verbrennung jüdischen zersetzenden Schrifttums an den Hochschulorten des Reichsgebiets."

Dieser Plan wurde minutiös geplant und generalstabsmäßig umgesetzt.

Ab dem 12. April 1933 verbreitete der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund in Göttingen und an allen anderen deutschen Hochschulen das Plakat mit den zwölf Thesen „Wider den undeutschen Geist", die auch in den Presseerzeugnissen der Studentenschaft publiziert wurden.

Am 5. Mai erschien in der Göttinger Zeitung ein Aufruf, das „zersetzende Schrifttum" zwischen dem 6. und dem 9. Mai in eigens eingerichteten Sammelstellen abzuliefern:
„Jeder Deutsche Volksgenosse säubert seine Bücherei von derartigen durch eigene Gedankenlosigkeit oder Nichtwissen hineingelangten Schriften! Jeder Deutsche Volksgenosse säubert die Büchereien seiner Bekannten und sorgt dafür, daß ausschließlich volksbewußtes Schrifttum darin heimisch ist."

Mittlerweile war die „Schwarze Liste" des Berliner Bibliothekars Dr. Wolfgang Herrmann an die Studentenschaften versendet worden, auf welcher die zur Verbrennung bestimmten Bücher aufgeführt wurden.

Auf der Göttinger Verbrennungsliste - offensichtlich kursierten im Reich mehrere, durch Abschreibefehler und willkürliche Ergänzungen voneinander geringfügig abweichende Fassungen der Liste - waren knapp 100 Autorinnen und Autoren vermerkt.

Was die nationalsozialistischen Studenten in den Privatbibliotheken ihrer „Bekannten" anrichteten, ist unbekannt; keine Überlieferung legt Zeugnis davon ab, was die Göttinger Bürgerinnen und Bürger freiwillig bei den „Sammelstellen" einlieferten.

Systematisch „gesäubert" wurden die Stadtbibliothek und wahrscheinlich auch die Bibliotheken der Schulen (Bücher aus universitären Beständen durften ausdrücklich nicht vernichtet werden).

Am 10. Mai durch die SA gewaltsam geplündert wurde die Bibliothek des Volksheims im Maschmühlenweg.

Bei den Mitgliedern des von dem Göttinger Philosophen Leonard Nelson begründeten Internationalen Sozialistischen Kampfbundes und bei anderen Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftsfunktionären wurden Haussuchungen veranstaltet; die dabei beschlagnahmten Bücher und „kommunistischen Pamphlete" wurden zur Verbrennung bestimmt.

Auch die Göttinger Buchhandlungen wurden durch die SA-Studenten und die Polizei durchsucht und von der „zersetzenden Literatur gereinigt".

Die Bibliothek des Studentenhauses e.V., die ohnehin unter der Klientel des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes stand, wurde radikal von „Schund und Schmutz" befreit.

Niemand weiß, wie viele Bücher wie vieler Autorinnen und Autoren dann am Abend des 10. Mai verbrannt worden sind.

Das Spektakel am 10. Mai begann im Auditorium Maximum der Universität mit einer Rede des eben ins Amt gewählten Universitätsrektors Friedrich Neumann. Danach setzte sich der Zug einer vieltausendköpfigen Kundgebung zum Adolf-Hitler-Platz (heute: Platz vor der Albani-Schule) in Bewegung.

Der Privatdozent Dr. Gerhard Fricke vom Deutschen Seminar hielt dort die „Brandrede", auch der Studentenführer Heinz Wolff sprach zu den Massen.

Der gewaltige Bücherberg wurde mit Benzin übergossen und angezündet. Danach wurden das Horst-Wessel- und das Deutschland-Lied gesungen.

Ilse Neumann, die Ehefrau des Rektors der Universität, vermerkte in ihrem Tagebuch:
„Sehr eindrucksvoll." 

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Öffnungszeiten

Di bis So | 10 bis 18 Uhr | Eintritt frei

Führungen

Jeweils dienstags und donnerstags | 17 Uhr | für Gruppen auch nach Vereinbarung und telefonischer Voranmeldung: 0551/400-2485 | Eintritt frei

Aufgrund der großen Resonanz werden zusätzliche öffentliche Führungen (Eintritt frei) durch die Ausstellung angeboten:
24. Mai | ab 12.00 Uhr
31. Mai | ab 10.00 Uhr

Veranstalter

Stadt Göttingen | Fachbereich Kultur
Tel: (0551) 400 2486 | kultur@goettingen.de
www.goettingen.de

Georg-August-Universität Göttingen
www.uni-goettingen.de

Jüdische Gemeinde Göttingen e.V.
www.liberale-juden.de/cms/index.php?id=24